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Daddeln: Machen Videospiele schlau?

Videospiele fordern unsere grauen Zellen. Doch haben sie wirklich positive Effekte? Neue Studien deuten darauf hin, dass sich sogar die Anatomie des Gehirns ändert
von Christian Andrae, 24.07.2017

Zocken zu mehreren: Videospielen kann auch ein Gemeinschaftserlebnis sein

Getty Images/The Image Bank

Am Anfang waren es nur ein Punkt und zwei senkrechte Striche. Damit ließ sich 1972 das recht einfache Tischtennis-Prinzip auf einen Bildschirm übertragen und von zwei Spielern bedienen. Viel mehr brauchte es nicht.

45 Jahre später sind Videospiele nicht nur fester Bestandteil im Museum of Modern Art in New York – neben Gemälden, Skulpturen und Installationen. Sie sind auch fester Bestandteil unserer Gesellschaft: 42 Prozent der Deutschen spielen Videospiele. Das ergab eine Umfrage von Bitkom Research. Aber was macht das mit uns? Neben hitzigen Debatten um diese Frage gibt es inzwischen auch umfangreiche Forschung zu diesem Thema.

Videospieler schneiden bei Rechnen und Lesen gut ab

Dabei erfahren Videospiele quer durch die Disziplinen zunehmend mehr Anerkennung. Sie sollen unser Reaktionsvermögen, das Kurzzeitgedächtnis sowie unsere Aufmerksamkeit verbessern, unsere Kinder schlauer machen und eventuell sogar Demenz in Schach halten.

Im August 2016 machte eine im Fachmagazin International Journal of Communication veröffentlichte Studie Schlagzeilen. Wissenschaftler des Royal Melbourne Institute of Technology in Australien hatten untersucht, wie sich der Internetkonsum auf die Schulnoten auswirkt. Dazu analysierten die Forscher 12.000 Pisa-Tests von 15-jährigen Schülern. Das Ergebnis: Wer fast täglich Online-Spiele zockte, erreichte bei den Tests im Rechnen und im Lesen 15 Punkte mehr als der Durchschnitt. Wer hingegen lediglich ausgiebig in sozialen Netzwerken surfte, erzielte nur unterdurchschnittliche Werte.

Suche nach Ursache und Wirkung

Online-Videospiele machen also schlau und soziale Medien doof? So einfach ist es nicht. Denn wie bei vielen Studien, bei denen größere Datensätze ausgewertet werden, zeigt die Arbeit der australischen Forscher lediglich einen Zusammenhang, sie kann keine eindeutige Ursache belegen. Dass Videospiele schlau machen, hat die Untersuchung deshalb nicht nachgewiesen.

Dafür müsste man unter kontrollierten Bedingungen spielende und nicht spielende Testpersonen miteinander vergleichen und beobachten, was sich in deren Köpfen verändert, zum Beispiel mithilfe eines sogenannten Magnetresonanztomografen. Solche Versuche haben Forscher der Psychiatrischen Uniklinik der Charité im Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus durchgeführt – und gleich die erste Hirnstrukturstudie zu Computerspielen 2011 war eine kleine Sensation: Vielspieler haben demnach nicht nur mehr Hirnvolumen, sondern auch mehr Hirnrinde. 

Hirnrinde bei Vielspielern durchschnittlich ein Millimeter dicker

Die Wissenschaftler untersuchten 154 jugendliche Computerspieler, die im Schnitt neun Stunden pro Woche vor dem Bildschirm verbrachten. Die Vielspieler unter ihnen hatten ein deutlich größeres Belohnungssystem im Gehirn als jene, die nur ab und an daddelten.

Noch überraschender war aber, dass Vielspieler zugleich eine dickere Hirnrinde (Cortex) hatten – und zwar 3,5 statt 2,5 Millimeter. Im Cortex wird aus Signalen unserer Sinnesorgane und vorgeschalteten Hirnregionen ein zusammenhängender Eindruck der Umwelt erzeugt. Ohne ihn wären Gedächtnis, Verstand und bewusste Handlungen nicht möglich.

Studie des Max-Planck-Institut zeigt die Wirkung auf das Gehirn

Vergrößern Videospiele also tatsächlich bestimmte Hirnareale? Das konnte diese Untersuchung zunächst nicht beantworten. Denn ob die Probanden einen dickeren Cortex hatten, weil sie gerne Videospiele machten, oder ob sie gerne am Computer spielten, weil sie ohnehin einen größeren Cortex hatten, war nicht klar. Um diese Frage zu beantworten, schloss das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin eine Folgestudie an. Dabei beobachteten die Wissenschaftler Videospieler und Nicht-Videospieler und prüften, ob sich deren Hirnstruktur veränderte. 

2014 wurden die Ergebnisse im Fachblatt Molecular Psychiatry veröffentlicht. "Das Wesentliche, was wir herausgefunden haben, war, dass Personen, die bisher wenig oder kaum Videospiele gespielt haben, innerhalb relativ kurzer Zeit bestimmte Teile des Gehirns vergrößern können, wenn sie Videospiele spielen", sagt der Co-Autor der Studie Professor Jürgen Gallinat vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.

Virtuelles Tischtennis schult Chirurgen

Der Psychiater und sein Team ließen 62 Männer im Alter von 20 bis 45 Jahren über zwei Monate hinweg täglich 30 Minuten ein dreidimensionales Kart-Rennen spielen. Eine Kontrollgruppe durfte nicht mitdaddeln. "Bei den Spielern haben wir ziemlich ausgedehnte Vergrößerungen des präfrontalen Cortex und des Hippocampus gefunden", erläutert Gallinat.

Aber zeigen diese Ergebnisse vielleicht nur, dass die Studienteilnehmer besser im Kart-Rennen selbst wurden? Oder werden wir durch Videospiele tatsächlich schlauer? Wirken sich die vergrößerten Hirnareale positiv auf unseren Alltag aus? In Gallinats Untersuchung schnitten die Probanden immerhin auch in Labortests besser ab, bei denen ihre räumliche Navigationsfähigkeit abgefragt wurde.

Eine 2013 im Journal Plos one veröffentlichte Arbeit der römischen Universität La Sapienza stellte außerdem einen gewissen Trainingseffekt fest. Angehende Mediziner, die vier Wochen lang regelmäßig ein Tischtennis-Videospiel zockten, waren bei Operationssimulationen erfolgreicher. Eine weitere im Juli 2016 im Fachblatt Psychological Science veröffentlichte Studie der New-York- Universität in Schanghai zeigte bei Videospielern eine erhöhte Koordination zwischen Sinneseindrücken und dem Bewegungsapparat – wie sie beispielsweise beim Autofahren benötigt wird.

Daddeln gegen Demenz?

Am interessantesten findet Gallinat im Zusammenhang mit Videospielen die Frage: Könnte Daddeln einer Demenz vorbeugen? Und das vielleicht sogar besser als bisher empfohlene Maßnahmen wie lesen oder Kreuzworträtsel lösen? Dafür gibt es dem Hirnforscher zufolge zumindest Anhaltspunkte: "Videospiele sind komplexer und lebensnäher – man befindet sich in einer besser simulierten Umgebung, hat eine dreidimensionale Sicht, und die Dinge, die man tun muss, sind für das Gehirn sehr anspruchsvoll."  

Wer einen Ausflug in digitale Spielwelten einmal ausprobieren möchte, hat eine große Auswahl an Geräten und Spielen – bis hin zu vielschichtigen cineastischen Abenteuern. Wer sich damit nicht anfreunden kann, der fühlt sich vielleicht in einfacheren Simulationen wie etwa einem Hüpfspiel eher zu Hause. Letzteres, sagt Gallinat, spreche gerade ältere Menschen an, die mit virtuellen Phantasiewelten nicht viel anfangen könnten. Aber niemand sollte bei seinen digitalen Ausflügen vergessen, dass es noch eine echte Welt da draußen gibt.



Bildnachweis: Getty Images/The Image Bank, W&B/Michelle Günther

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