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Juckreiz stoppen bei Neurodermitis

Die Erkrankung ist nicht heilbar. Doch mit Geduld und Disziplin können Patienten viel erreichen. Besonders wichtig ist eine optimale Pflege der Haut
von Nina Himmer, 03.08.2017

Nicht nur Kinder: Rund drei Prozent der Erwachsenen leiden an Neurodermitis

Your Photo Today/A1PIX GbR/Phanie

Die Hoffnung hört auf den Namen Dupilumab. Der Wirkstoff gegen Neurodermitis lässt so manchen Hautarzt von einer "Zeitenwende in der Therapie" schwärmen und steht kurz vor der Zulassung. "Ab 2018 werden wir Neurodermitis in Deutschland wohl damit behandeln können", sagt Dr. Ralph von Kiedrowski vom Berufsverband der Dermatologen.

Wie viele deutsche Hautärzte hat er den Wirkstoff bereits getestet und positive Rückmeldung von seinen Patienten erhalten. Juckreiz und Entzündungen wurden deutlich gelindert, das Hautbild besserte sich.

Neurodermitis tritt bevorzugt an bestimmten Körperstellen auf (blaue Punkte), das Gesicht ist vor allem bei Erwachsenen betroffen

W&B/Martina Ibelherr

Neues Medikament mit gezielter Wirkung

Dabei hat Dupilumab einen entscheidenden Vorteil: Es wirkt gezielter und hemmt nur jene Botenstoffe, die bei Neurodermitis aktiv sind – statt, wie etwa Kortison, die ganze Immunantwort zu dämpfen. Daher sind die Nebenwirkungen geringer. Von Kiedrowski: "Für schwere Fälle ist das eine echte Revolution."

Allerdings kommen solche schweren Verläufe selten vor. Ein Großteil der Betroffenen leidet unter leichten oder moderaten Formen von Neurodermitis. Typische Symptome sind gerötete, schuppig-nässende und stark juckende Stellen auf der Haut. "Die Krankheit stellt für viele Patienten eine große Belastung dar", sagt von Kiedrowski.

Ins Gesicht geschrieben

Die Zahl der Betroffenen in seinem Wartezimmer wächst stetig. Wie Asthma und Allergien gehört Neurodermitis zu den Erkrankungen, die sich in Industrienationen zunehmend ausbreiten. Expertenschätzungen zufolge leiden in Deutschland bis zu 15 Prozent der Kinder und rund 3 Prozent der Erwachsenen an Neurodermitis. Bei Letzteren treten die Symptome häufig besonders stark auf – und sind deutlich sichtbar.

"Während bei Kindern eher Arme und Beine oder Kniekehlen, Ellbogen und Handgelenke betroffen sind, zeigt sich die Krankheit bei Erwachsenen meist auch an den Händen und im Gesicht", sagt von Kiedrowski. Das erhöht die psychische Belastung noch. Die genaue Ursache der Hautveränderungen ist unklar, obwohl Ärzte die Krankheit schon seit Ende des 19. Jahrhunderts kennen. Aus dieser Zeit rührt auch ihr Name her, der auf einen Zusammenhang zwischen Haut und Nervenkostüm anspielt. Zwar gilt Stress nach wie vor als wichtiger Auslöser für das Leiden, ansonsten ist diese Sichtweise aber überholt. Mediziner bevorzugen inzwischen die Bezeichnung "atopische Dermatitis".

Verlauf in Schüben

Wie man die Krankheit auch nennt – sie verläuft fast immer schubweise, ist erblich und hat mit dem Immunsystem zu tun. Im Blut von Patienten finden sich vermehrt Entzündungsstoffe und oftmals sogar stark erhöhte Spiegel von sogenanntem Immunglobulin E, wie man sie von allergischen Reaktionen kennt. Wer Neurodermitis in den Griff kriegen will, braucht vor allem Disziplin und Durchhaltevermögen.

Apotheker Markus Weber

W&B/Claus Morgenstern

"Es spielen so viele Faktoren eine Rolle, dass man ausprobieren muss, was im Einzelfall hilft", sagt Dr. Markus Weber, Apotheker aus Weinheim an der Bergstraße. Er rät Betroffenen, ihre individuellen Auslöser aufzuspüren, die sogenannten Trigger.

Meist gibt es mehrere Auslöser

Das können Pollen, Tierhaare, Stress, Hormonschwankungen, bestimmte Textilien, Zigarettenrauch oder Nahrungsmittel sein. Patienten sollten in einem Tagebuch festhalten, was sie essen und was mit ihrer Haut in Kontakt kommt. Weber: "Oft sind schon Kleinigkeiten wie ein neues Waschmittel oder ein Wollpullover der Grund für eine Verschlechterung."

Einen alleinigen Auslöser gibt es allerdings in der Regel nicht – auch wenn sich das viele Betroffene wünschen. "Neurodermitis lässt sich nicht ausknipsen, indem man einen Faktor beseitigt. Es geht immer um eine Kombination von Auslösern. Das ist wie ein Mosaik, das man zusammensetzen muss", erklärt der Hautarzt.

Wenig duschen, viel cremen

Den zweiten wichtigen Baustein im Kampf gegen die Krankheit stellt die sogenannte Basispflege dar. "Die richtige Hautpflege ist die Grundlage jeder Neurodermitis-Therapie, wird aber leider oft unterschätzt und nicht konsequent durchgezogen", sagt von Kiedrowski. Wer hier Disziplin zeige, könne Juckreiz effektiv lindern, beschwerdefreie Phasen verlängern und Schübe mildern.

Apotheker Weber rät, auf übertriebene Hygiene zu verzichten – also etwa lange Bäder, tägliches Duschen oder die Verwendung aggressiver Seifen. Besser seien Ölbäder und seifenfreie, pH-hautneutrale und rückfettende Substanzen. Lauwarmes Wasser und sanftes Abtupfen mit einem weichen Handtuch verträgt die angegriffene Haut besser als hohe Temperaturen und Trockenrubbeln. "In der Oberhaut von Neurodermitikern sind zu wenig schützende Fettstoffe vorhanden", erklärt Weber. Diesen Mangel müssen Patienten ausgleichen. Und das heißt: cremen, cremen, cremen – mit Produkten ohne Farb- und unverträgliche Konservierungsstoffe sowie nur mit hautverträglicher oder ganz ohne Parfümierung.

Pflege auf den jeweiligen Körperbereich abstimmen

Wichtig ist, die Pflege nach der aktuellen Krankheitsphase und dem Zustand der betroffenen Körperregion auszurichten. So vertragen Ellbogen und Kniekehlen eine reichhaltigere Pflege als das Gesicht. Und bei einem akuten Schub sind andere Mittel nötig als während einer beschwerdearmen Zeit.

Menschen mit Neurodermitis benötigen also verschiedene Produkte für eine optimale Basispflege. In schubfreien Phasen eignen sich vor allem Mittel mit Harnstoff (Urea). "Der Wirkstoff hilft der Haut, Feuchtigkeit zu binden, und verbessert so ihre natürliche Schutzfunktion", sagt von Kiedrowski. Studien bestätigen diese Effekte.

Mangel an Fettsäuren

Apotheker Weber hat zudem gute Erfahrungen mit Lotionen gemacht, die Omega-3-Fettsäuren oder Nachtkerzenöl enthalten. Auch sie sollen den Feuchtigkeitshaushalt der Haut ins Lot bringen – jedoch ist der Nutzen nicht eindeutig wissenschaftlich belegt. Plausibel erscheint der Ansatz dennoch: Der Haut von Betroffenen mangelt es an Fettsäuren, warum diese nicht von außen zuführen?

Je trockener der Teint, desto fettiger darf die Salbe sein. Nässt er hingegen, sind wässrige Öl-in-Wasser-Emulsionen die bessere Wahl. "Nässende Stellen sollten unbedingt fett-feucht behandelt werden", sagt Dermatologe von Kiedrowski.

Zweifel an Antibiotika

Bei akuten Ausbrüchen allerdings vermag häufig auch die ausgeklügeltste
Basispflege nichts mehr auszurichten. Dann verschreiben Ärzte oft Kortison oder Antibiotika. Während die Wirkung von Kortison nachgewiesen ist, wird der Einsatz von Antibiotika mittlerweile kritisch gesehen.

Forscher aus Cardiff (Wales) zeigten unlängst in einer im Annals of Family Medicine veröffentlichen Studie, dass Antibiotika zumindest das Abheilen nur gering infizierter Ekzeme bei Kindern nicht fördern. Damit bleibt Kortison vorerst das Mittel der Wahl bei unerträglichem Juckreiz und entzündeter Haut.

Jede Stelle hat ihr Kortison

Aufgrund der Nebenwirkungen stehen viele Patienten diesem Wirkstoff aber skeptisch gegenüber. "Temporär und richtig angewendet, überwiegt der Nutzen die Nebenwirkungen deutlich", beruhigt von Kiedrowski. Entscheidend sei eine exakte, an die Körperregion und die Symptome angepasste Dosierung. Denn Kortison zur äußerlichen Anwendung gibt es in vier Wirksamkeits-Abstufungen. Wer die falsche Stärke an einem falschen Körperbereich aufträgt, riskiert unerwünschte Effekte.

Hautarzt von Kiedrowski hat außerdem beobachtet, dass viele Patienten Kortison vorschnell absetzen. Doch wenn ein Ekzem oberflächlich abklingt, sind noch nicht alle Entzündungszellen beseitigt. "Selbst wenn es paradox klingt: Man sollte Kortison streng nach Verordnung anwenden, um sich so letztlich vor einer zu häufigen Anwendung zu schützen", sagt der Dermatologe. Er schätzt, dass 90 Prozent der Patienten mit richtiger Basispflege, der Kenntnis ihrer Trigger und der gelegentlichen Anwendung von Kortison ihre Neurodermitis in den Griff bekommen können.

Silberstreifen am Horizont

Für die restlichen 10 Prozent gibt es andere Therapieoptionen. Höher dosiertes Kortison etwa oder immununterdrückende Stoffe in Tablettenform. Diese medikamentösen Alternativen haben aber teils erhebliche Nebenwirkungen.

Patienten, die bisher auf diese Arzneien angewiesen waren, werden am meisten von dem neuen Wirkstoff Dupilumab profitieren. Lange mussten sie auf einen Durchbruch bei der Behandlung warten. Jetzt können sie etwas hoffnungsvoller in die Zukunft blicken.



Bildnachweis: Your Photo Today/A1PIX GbR/Phanie, W&B/Claus Morgenstern, W&B/Martina Ibelherr

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