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Thema: Politik, Soziales, Umwelt

Selbstverteidigung: Sich richtig wehren

Sich zur Wehr zu setzen heißt nicht, unbedingt zuzuschlagen. Wer Risiken früh erkennt oder sich rasch mit Worten distanziert, kann vielen Gefahren aus dem Weg gehen
von Ute Essig, 27.07.2017

Eindeutige Mimik: In kritischen Situationen ist kein Lächeln angebracht, das den Gegner ermutigt

W&B/André Kirsch

Fester Händedruck, wacher Blick, aufrechte Körperhaltung. Gabriele Schwab ist eine Frau, die durch ihre Präsenz auffällt. Wie sie durch die belebte Straße in München auf ihr Ziel zugeht, signalisiert natürliche Autorität und Selbstbewusstsein. Diese Eigenschaften will die 40-Jährige auch den Teilnehmerinnen ihrer Seminare vermitteln.

Zusammen mit ihrem Partner leitet sie in Augsburg eine Krav-Maga-Schule, die der International Krav Maga Federation (IKMF) angegliedert ist. Dieses Selbstverteidigungssystem hat seinen Ursprung beim israelischen Militär. Neben körperlichen Abwehrtechniken für den Ernstfall lernen die Schüler hier hauptsächlich, wie sie kritische Situa­tionen schneller erkennen, ihnen ausweichen und sich unter Stress selbst ­behaupten können. Die ausgebildete Trainerin Gabriele Schwab bietet auch spezielle Kurse für Frauen an – und kann sich seit der Silvesternacht in Köln vor Nachfragen kaum retten. Zunehmend mehr Frauen fühlen sich nicht wirklich sicher.

Hände hoch: Trainerin Schwab in Abwehrhaltung

W&B/André Kirsch

Sexuelle Übergriffe nehmen zu

Eine Bevölkerungsbefragung durch das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr ­bestätigt bereits für das Jahr 2015: Das Sicherheitsgefühl der Deutschen hat sich merklich verschlechtert – sowohl im Hinblick auf die allgemeine gesellschaftliche Lage als auch auf die persönliche Situation. Die Untersuchung offenbart außerdem: Es fühlen sich deutlich mehr Frauen als Männer unsicher.

Nach der Polizeilichen Kriminalstatistik des Bundes­kriminalamts (BKA) wurden Frauen 2016 in knapp 8000 Fällen zur Zielscheibe sexuell motivierter Übergriffe. Das sind 12,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Es ist also nicht bloß irgendein Gefühl; die tatsächlich gestiegene Gefahr lässt sich statistisch belegen. Und manche Expertenschätzungen gehen davon aus, dass 90 Prozent der Übergriffe überhaupt nicht angezeigt werden. Vor allem über häuslicher Gewalt liegt häufig ein dicker Mantel des Schweigens.

Sich mit deutlichen Worten abgrenzen

Frauen sollten lernen, sich in gefährlichen Situationen zur Wehr zu setzen. Nicht nur auf dem dunklen Weg vom Club nach Hause, sondern auch auf städtischen Plätzen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Menschenansammlungen. In unserer Gesellschaft werden aber vor allem Mädchen in der Regel noch immer dazu erzogen, zu allen Menschen freundlich zu sein. Um aus dieser passiv-netten Rolle zu fallen, müssen viele selbst in kritischen Situationen eine hohe Hemmschwelle überwinden. "Nicht lächeln, wenn man sich unwohl fühlt", lautet deshalb der wichtigste Ratschlag, den Krav-Maga-Instruktorin Schwab ihren Schützlingen gibt. Viele männliche Täter verstünden ein Lächeln als Aufforderung, provozierendes Handeln fortzusetzen.

Besser sei es, verbal aktiv und auch laut zu werden, zum Beispiel klar und deutlich zu sagen: "Ich möchte das nicht." Manchmal gelingt es, einen potenziellen Angreifer bereits mit Worten auf Distanz zu halten. Ein "Sie" baut dabei Abstand auf und signalisiert Außenstehenden, dass es sich bei diesem Wortgefecht nicht etwa um einen Beziehungskonflikt oder einen Streit unter Freunden handelt. "Lassen Sie mich in Ruhe! Gehen Sie weg!" Wer dabei die Hände nach oben nimmt und die Worte mit Gesten untermalt, macht den Ernst der Lage nach außen sichtbar.

Wichtig: Gefahren früh erkennen

Am besten ist es natürlich, gar nicht erst in eine kritische Situation zu geraten. "Schulen Sie vor allem Ihre Wahrnehmung", rät Kriminaloberrat ­­Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes in Stuttgart. Indem man zum Beispiel beim Joggen auf Kopfhörer verzichtet, kann man einen Angreifer möglichst früh­zeitig hören.

Problematische Orte wie dunkle Straßen oder verlassene Unterführungen sollten Frauen nach Möglichkeit meiden. "Stattdessen gut beleuchtete und belebte Wege nutzen, auch wenn diese einen Umweg bedeuten", sagt Schmidt. Außerdem nicht alleine gehen, lieber ein Taxi nehmen und in Bussen und Bahnen in der Nähe des Fahrers oder des Fahrerrufs sitzen.

Auf den Bauch hören

Obwohl Gabriele Schwab körperlich und mental in der Lage ist, sich gegen Angreifer effektiv zu wehren, berücksichtigt auch sie solche Verhaltens­­regeln: "Ich würde mich nie offensichtlich in Gefahr begeben." Zudem hört die Münchnerin auf ihren Instinkt.

"Wenn sie sich in der Gegenwart eines Kollegen, Nachbarn oder Bekannten plötzlich unwohl fühlen, sollten Frauen ihr Bauchgefühl ernst nehmen", rät auch Experte Schmidt. Er weist darauf hin, dass vor einem tatsächlichen Übergriff meist ein mehr oder weniger zufälliger Kontakt zwischen Täter und Opfer besteht. Zum Beispiel eine flüchtige Bekanntschaft auf einer Party, bei der der spätere Täter die Frau beobachtet, anspricht, anbaggert oder auf einen Drink einlädt. Schmidt: "Sobald Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, sollten Sie die Situation so schnell wie möglich verlassen." 

Übung im Zutreten

Wenn das nicht möglich ist, muss Frau handeln – also beispielsweise gezielt Menschen in der Umgebung ansprechen oder durch lautes Schreien auf ihre Notlage aufmerksam machen. Auch ein Notruf bei der Polizei unter der Nummer 110 alarmiert Beistand.

Eskaliert die Situation weiter und wird ein Mann tätlich, helfen körperliche Abwehrtechniken, wie sie in Selbstverteidigungskursen vermittelt werden. "Besonders wirksam sind ein Tritt zwischen die Beine oder ein Schlag auf die Nase", sagt Gabriele Schwab. Auch zierliche, kleine oder eher unsportliche Frauen können die Selbstverteidigungs­techniken leicht umsetzen, sofern sie diese ausreichend üben.

In Gabriele Schwabs Kursen trainieren die Frauen in Zweiergruppen und lenken ihre Schläge auf dicke Schutzpolster. Viele Teilnehmerinnen müssen erst einmal die Hemmung im Kopf abbauen, tatsächlich zuzuschlagen.

Das Geschäft mit der Angst

Wer einen Selbstverteidigungskurs bucht, sollte sich vorab über die Ausbildung des Anbieters informieren.  Für die Seriosität spricht es zudem, wenn die Organisatoren mit der Polizei oder mit Opferschutzeinrichtungen wie dem Weissen Ring zusammenarbeiten.

Viele unqualifizierte Anbieter spielen mit der Angst der Teilnehmerinnen und propagieren zum Beispiel den gefährlichen Einsatz von Stichwaffen zur Selbstverteidigung. Informationen über gute Angebote erteilen in der Regel auch die örtlichen Polizeidienststellen.

Nicht bewaffnen

Sich mit Pfefferspray oder mit Elektroschockern auszustatten, davon rät die Polizei Frauen generell ab. "Man muss diese Geräte praktisch ständig in der Hand ­halten, um sie bei Bedarf sofort auslösen zu können", sagt etwa Kriminaloberrat Harald Schmidt.  Zudem könnten sich Frauen damit in falscher Sicherheit wiegen.

Auch Selbstverteidigungs-Profi Gabriele Schwab warnt: "Wenn ich in einer kritischen Situation erst in meiner Handtasche nach dem Spray suche, verliere ich wertvolle Zeit für andere Abwehrstrategien." Zudem ist die Handhabung unter Stress tückisch. Bei Gegenwind schlägt die Pfefferwolke ins Gesicht. Gelangt das Gerät in die Hand des Täters, kann es zur Waffe gegen die eigene Gesundheit werden.




Bildnachweis: W&B/André Kirsch

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